Vom Internetphänomen zum kulturellen Code
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Memes: Vom Internetphänomen zum kulturellen Code
Wie Technoviking & Co. die digitale Welt prägten
Der Begriff "Meme" stammt ursprünglich vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins. In seinem Buch The Selfish Gene (1976) prägte er das Wort als kulturelles Pendant zum Gen: Ideen, Verhaltensweisen oder Symbole, die sich von Gehirn zu Gehirn übertragen und dabei reproduzieren, mutieren und sich durchsetzen.
Mit dem Internet hat dieser Begriff eine ganz neue Bedeutung gewonnen. Heute meint „Meme“ in der Regel digitale Inhalte – meist Bilder, GIFs oder Videos – die durch Humor, Wiedererkennbarkeit oder Ironie massenhaft verbreitet werden.
Doch wie entsteht ein Meme? Welche Zutaten sind nötig, damit ein Video, ein Satz oder ein Bild aus dem Nichts Kultstatus erreicht?
Die Zutaten eines Memes
Damit ein Meme viral gehen kann, braucht es bestimmte Faktoren:
Einprägsames Ausgangsmaterial
- Auffälliges Video, skurriles Bild, prägnantes Zitat.
- Beispiel: „Ekelhaff“ aus Frauentausch – ein einzelner Satz, der sich eingebrannt hat.
Starke Emotion
- Lachen, Wut, Fremdscham oder Staunen.
- Memes lösen etwas aus, das man sofort teilen will.
Einfache Reproduzierbarkeit
- Das Material muss leicht zu bearbeiten, kombinieren oder mit Text zu versehen sein.
- Beispiel: Technoviking im Takt marschierend → konnte mit beliebiger Musik unterlegt werden.
Kulturelle Anschlussfähigkeit
- Memes greifen Themen auf, die viele Menschen kennen oder die mit aktuellen Debatten verbunden sind.
Digitale Plattformen
- Ohne YouTube, Reddit, 9GAG, Twitter/X oder TikTok gäbe es keine globale Meme-Kultur.
Fallstudie: Der Technoviking
Eines der berühmtesten Internetmemes überhaupt ist der Technoviking.
Ursprung
- Entstanden auf der Fuckparade 2000 in Berlin, aufgenommen von Filmemacher Matthias Fritsch.
- Das Video zeigt einen muskulösen, tätowierten Mann mit langem Zopf, der einem aggressiven Zuschauer eine klare Ansage macht und anschließend mit stoischer Ernsthaftigkeit zur Musik tanzt.
Viralität
- 2001 erstmals auf kunsthistorischen Plattformen verbreitet, 2006 dann auf YouTube hochgeladen.
- Innerhalb weniger Jahre millionenfach angesehen.
- Nutzer schnitten den Clip neu, legten andere Tracks darunter, bauten Remixe.
Zahlen & Fakten
- Ursprüngliches Video auf YouTube: über 20 Millionen Aufrufe, bevor es 2015 wegen rechtlicher Ansprüche entfernt wurde.
- Über 700 Parodien, Remixe und Spin-offs sind dokumentiert.
- Google-Suchanfragen nach „Techno Viking“ erreichten 2008 und 2010 globale Peaks.
Juristische Kontroverse
- Der „Techno Viking“ selbst klagte später gegen die Verwendung seines Bildes und gewann.
- Ergebnis: Fritsch musste Entschädigung zahlen, das Video wurde entfernt.
- Ironischerweise machte genau dieser Streit das Meme noch bekannter – ein klassischer Streisand-Effekt.
Bedeutung
- Der Techno Viking ist ein Urmeme: rohe Energie, klarer Charakter, universell verständlich, musikalisch remixbar.
- Bis heute wird er in Foren als Symbol für „Ordnung im Chaos“ oder „archetypischer Alpha“ genutzt.

Weitere bekannte Meme-Beispiele
Frauentausch: „Ekelhaff“
Ursprung: RTL2-Sendung Frauentausch, die Kandidatin Nadine beschwert sich empört: „Ich will das nicht essen, dat ist Ekelhaff (Bio-Lebensmittel)! „Bio ist für mich Abfall“
Warum es zündete:
- Starke Emotion (Ekel, Wut, Fremdscham).
- Ein prägnanter Satz, leicht zitierbar.
- Ironisches Sinnbild für Konsum- und Bildungskonflikte.
Die „Zwillinge aus Australien“
Bekannt aus Clips, in denen zwei blonde Zwillingsschwestern mit "Run he´s got a gun!" zum Meme wurden.
Das Video wurde in Australien aufgenommen, es kursierte ab ca. 2015/2016 auf YouTube und später stark auf TikTok und Meme-Seiten.
Die Zwillinge wirken durch ihr gleichförmiges, mechanisches Sprechen und die auffällige Frisur extrem „unheimlich“.
Meme-Faktor:
- Surreale Stimmung, fast wie eine Parodie auf Horrorfilm-Charaktere.
- Die Wiederholung des Satzes („he’s got a gun“) wurde tausendfach remixed, in Musik eingebaut oder mit anderen Videos kombiniert.
- Nutzer spielten vor allem mit dem Uncanny-Valley-Effekt: zwei identische Personen, monotones Sprechen → wirkt gleichzeitig lustig und beängstigend.
Verbreitung:
- Auf TikTok und Reddit erreichte das „Run he’s got a gun“-Meme mehrere Millionen Views.
- Es gibt zig Remixes, u. a. Dubstep-Versionen oder Edits mit Filmszenen.
- Das Meme taucht bis heute regelmäßig in Compilations wie „Cursed Internet Clips“ oder „Weird Internet Videos“ auf.
Weitere Beispiele:
- Rickroll: Rick Astleys „Never Gonna Give You Up“, eingebettet in täuschende Links.
- Grumpy Cat: Katze mit mürrischem Gesichtsausdruck, Millionenfach geteilt.
- Distracted Boyfriend: Stockfoto, das zur Schablone für unzählige Beziehung- und Alltagssituationen wurde.
- Pepe the Frog: Ursprünglich harmlose Cartoon-Figur, später politisch vereinnahmt.
Warum Memes funktionieren
- Kognitive Leichtigkeit – Ein Meme ist oft ein Bild + ein Satz. Leicht verständlich, sofort teilbar.
- Remix-Kultur – Jeder kann das Ausgangsmaterial verändern.
- Soziale Zugehörigkeit – Wer Memes versteht, zeigt: „Ich gehöre dazu.“
- Humor als Waffe – Memes sind nicht nur lustig, sondern auch Mittel zur Kritik oder zum Protest.
Der Lebenszyklus eines Memes
- Geburt: Ein Clip oder Bild taucht erstmals online auf.
- Explosion: Viralität durch Foren, Social Media, Reposts.
- Mutation: Abwandlungen, Parodien, Crossovers.
- Kommerzialisierung: Merchandising, Marketing nutzen den Hype.
- Abnutzung: Meme wird „cringe“, verliert Reiz.
- Revival: Jahre später wiederentdeckt (z. B. Technoviking als Retro-Meme).
Zahlen zur Meme-Kultur
Laut Google Trends sind die Suchanfragen nach „Meme“ seit 2009 um mehr als 400 % gestiegen. Auf Reddit existieren über 2 Mio. aktive Mitglieder allein im Subreddit r/memes.
TikTok zählt täglich mehrere Milliarden Aufrufe auf memebasierte Hashtags (#meme, #dankmemes etc.). Memes sind inzwischen Teil von Marketing-Kampagnen: Firmen wie Netflix oder McDonald’s posten gezielt Meme-Content.
Ausblick: Memes als digitale DNA
Memes sind keine Randerscheinung mehr. Sie sind die Lingua franca des Internets – eine Sprache aus Bildern, Clips und Ironie, die weltweit verstanden wird. Die Zukunft?
Künstliche Intelligenz generiert schon heute Memes auf Knopfdruck.
Metaverse & VR könnten Memes dreidimensional machen. Politik & Gesellschaft werden Memes weiter nutzen – als Propaganda, als Kritik, als Protestform.
Und egal ob Technoviking, Nadine oder Distracted Boyfriend: Jedes Meme zeigt, wie sehr uns Humor, Absurdität und Kreativität verbinden. Memes greifen Themen auf, die viele Menschen kennen oder die mit aktuellen Debatten verbunden sind.

